<< zurück | Post ID # 36159 | 29.06.2026

# Gründe der Gleichgültigkeit

Sicherlich, mit Erfurt steht uns ein absolutes Großereignis bevor. Aber eine große "Demo-Welle" wie noch Anfang 2025 bleibt weiterhin aus. Dabei würden uns Merz, Dobrindt, Reiche, Klimawandel und und und genügend Themen bieten.

Wo sind also alle ?! Warum scheinen immer mehr Menschen so "gelähmt" oder "desinteressiert" zu sein?

Leider ist die aktuell "gefühlte Gleichgültigkeit" das schlichte Ergebnis einer vorhersehbaren Entwicklung. Nicht nur vorhersehbar, sondern in weiten Teilen auch bewusst aus reaktionören Kreisen gesteuert. Warum? Weil die Gleichgültigkeit der Menschen wichtig ist. Durch die Gleichgültigkeit werden die meisten Hindernisse auf dem Weg zur beabsichtigten "Umgestaltung" entfernt. Klingt bekannt? Richtig, war bei den Nazis auch so.

Aber wir sind eben auch schon hundert Jahre weiter. Wie kommt es also schon wieder zu so einer "Massen-Gleichgültigkeit"? Was können wir dagegen tun?

Gründe der "Gleichgütigkeit": Reaktion auf veränderte Informationswelt

Die gefühlte Abnahme der Ernsthaftigkeit bei gesellschaftlichen Themen ist meist keine echte Gleichgültigkeit, sondern eine Reaktion auf unsere veränderte Informationswelt. Sie wird durch mehrere zentrale Faktoren verursacht:

  • Dauerkrise und Überforderung: Nachrichten sind heute oft negativ, katastrophenzentriert und schlagen in schneller Abfolge aufeinander. Um sich selbst vor emotionaler Überlastung zu schützen, schalten viele Menschen unterbewusst ab, was als "Doomscrolling"-Müdigkeit bekannt ist (vgl. https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2021/06/30/negative-nachrichtflut-fuehrt-dazu-dass-sich-menschen-nicht-mehr-beteiligen/)
  • Reizüberflutung und Algorithmen: Soziale Medien belohnen Lautstärke, Empörung und extreme Meinungen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass alles moralisch aufgeladen oder polarisierend diskutiert wird, was zu einer Entwertung gemäßigter Debatten führt.
  • Verlust der Wirksamkeit: Viele haben das Gefühl, dass sich trotz langer, hitziger Diskussionen an den zugrunde liegenden Problemen (wie Klima, Wirtschaft oder sozialer Gerechtigkeit) wenig ändert. Dies führt zu Frust und Resignation, wodurch Themen seltener als lösbar angesehen werden.
  • Fragmentierung der Öffentlichkeit: Anstelle von gesamtgesellschaftlichen Diskursen gibt es heute viele parallele, meinungsstarke Nischen ("Echokammern", "Blasen"), in denen Themen völlig unterschiedlich bewertet werden

Emotionen statt Fakten

Eine vom rheingold Institut durchgeführte Studie zeigt, dass bei der heutigen Meinungsbildung oft Emotionen und psychologische Bedürfnisse eine größere Rolle spielen als reine Fakten.

Das rheingold Institut erforscht in mehreren Studien, wie politische Meinungsbildung in unserer digitalen und krisengeprägten Gesellschaft funktioniert. Die Untersuchungen zeigen, dass Emotionen, Ängste und die Sehnsucht nach Orientierung die Ansichten der Menschen heute oft stärker prägen als reine Fakten. [Quellen: 1, 2, 3]

Kernpunkte der Studien

  • Rückzug und Orientierungslosigkeit: In Zeiten multipler Krisen haben sich etwa 35 % der Bevölkerung tiefgreifend frustriert aus dem gesellschaftlichen Diskurs zurückgezogen. Sie fühlen sich ohnmächtig und reagieren auf Nachrichten häufig mit Wut oder Verdrängung. [Quellen: 1, 2]
  • Filterblasen und selektive Wahrnehmung: Die Studien belegen das Phänomen „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Mediennutzende suchen sich zunehmend Bestätigung in abgeschlossenen "Blasen". Fakten, die das eigene Weltbild stören, werden psychologisch abgewehrt. [Quellen: 1, 2]
  • Vier Typen der Meinungsbildung: In Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und der Universität Mainz wurden unterschiedliche Typen der Meinungsbildung identifiziert. Diese reichen von stark politisierten "Debattierenden" bis hin zu "Abgekoppelten", die sich Medieninhalten komplett entziehen. [Quellen: 1, 2, 3]

Die tiefenpsychologischen Analysen betonen, dass es für einen gesellschaftlichen Dialog nicht ausreicht, lediglich bessere Argumente zu liefern. Vielmehr müssen die zugrunde liegenden seelischen Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Kontrolle und psychologischer Sicherheit, adressiert werden. [Quellen: 1, 2]

Detaillierte Auswertungen und Reports zu diesen psychologischen Dynamiken finden sich direkt beim rheingold Institut. Spezifische Ergebnisse zu den verschiedenen Typen sind im BLM-Forschungsbericht nachzulesen.

Und was können wir dagegen tun?

Gegen die zunehmende Polarisierung und den Rückzug aus dem Diskurs helfen laut den tiefenpsychologischen Erkenntnissen des rheingold Institut keine reinen Faktenschlachten. Da die politische Meinungsbildung stark von seelischen Ängsten gesteuert wird, müssen Lösungen auf der Beziehungsebene und psychologischen Sicherheit ansetzen.

Strategien auf gesellschaftlicher und medialer Ebene

  • Gefühle validieren: Medien und Politik müssen Ängste und Ohnmachtsgefühle der Menschen ernst nehmen, anstatt sie als irrational abzutun. Erst wenn Menschen sich gehört fühlen, öffnen sie sich wieder für Argumente.
  • Konstruktiver Journalismus: Berichterstattung darf nicht nur Krisen anprangern. Sie muss Lösungsansätze aufzeigen (Constructive Journalism), um das Gefühl der Ohnmacht zu bekämpfen und Selbstwirksamkeit zu stärken.
  • Brückenmedien stärken: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und lokale Medien müssen als neutrale Plattformen gestärkt werden, die unterschiedliche Lebenswelten zusammenbringen und den direkten Dialog fördern.
  • Medienkompetenz schulen: Menschen müssen lernen, Algorithmen und emotionale Trigger in sozialen Netzwerken zu durchschauen, um sich bewusster aus ihren Filterblasen zu bewegen.

Tiefergehende Theorie: "Misstrauensgemeinschaften"

  • Das Buch "Misstrauensgemeinschaften" von Aladin El-Mafaalani ist nicht ganz einfach zu lesen, beschreibt aber sehr genau die aktuellen Mechanismen dessen, was wie wem "geglaubt" wird und wer dementsprechend wie handelt. Das Buch beleuchtet eindringlich, wie fragil das Verhältnis zwischen Staat und Menschen geworden ist. Buchbesprechungen finden sich u.a. beim > SWR und beim > ipg-journal.de

Was bedeutet das alles für uns?

  • Es bleibt dabei: Ein Nazi ist ein Nazi - aber nicht alle, die der Af* zuhören, sind sofort Nazis. Hier müssen wir differenzierter werden.
  • Wir müssen weg vom "Fronten-Denken" und Menschen mit ihren Ängsten mehr Raum lassen.
  • "Zuhör"-Formate sollten einen größeren Schwerpunkt erhalten, denn nur so kommen wir in Gesprächsverläufe, die einen positiveren Ausgang verpsrechen
  • Wir müssen weiterhin aktiv und kritisch die Medien beobachten und uns laut äußérn, wenn diese ihrem Auftrag nicht nachkommen - denn sie beeinflussen die allgemeine Wahrnehmung
  • Wir müssen Medienkomptenz stärken - bei uns und anderen. Ja, es gibt viel zu lernen!
  • Wir müssen mehr vermitteln, dass es keine einfachen Lösungen in einer komplexen Welt geben kann - sehr wohl aber genug Raum ist, um sich an kreativen Lösungen zu beteiligen und die Gesellschaft mitzuformen. Jeden Tag. Mit dem eigenen Verhalten.
  • So erklären sich vielleicht auch die vielen Fragen, die wir bekommen "Wieso seid Ihr nur GEGEN ...?" - hier sollten wir nicht mehr so genervt gucken. Sofern auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass die fragende Person nicht nur provozieren, sondern tatsächlich diskutieren möchte, sollten wir uns dieser Frage offen stellen und die vielen "FÜRs", die wir anzubieten haben, ausführen:

Sandra
OMAS GEGEN RECHTS Bundesweit
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