<< zurück | Post ID # 5329 | 10.10.2020

Michel Abdollahi: Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin

Hoffmann und Campe, Hamburg, 2. Auflage 254 S., 18 €

Während der Fußballweltmeisterschaft war die Heimat des Journalisten Michel Abdollahi „ein schönes Deutschland“. „Ein weltoffenes Deutschland im Herzen der EU, dessen Menschen gemeinsam nach vorne schauten“ und in dem „sich einen Augenblick lang nicht alles um Herkunft und Heimat drehte.“ Denn: „Die Vielfalt der Nationalmannschaft hatte gezeigt, dass Integration funktionieren kann, wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt.“

Nachdem Abdollahi 1986 als Fünfjähriger ohne Sprachkenntnisse mit seiner Familie nach Hamburg gekommen war, erlebte er latente Fremdenfeindlichkeit, aber vor allem auch interkulturelle Missverständnisse. Zum Beispiel die absurde Situation einer Ostereiersuche mit Hemd und Fliege im regennassen Wald: „Auf der Einladung hatte Ausflug gestanden, das wurde zu Hause im Wörterbuch nachgeschlagen und ich dann so angezogen, wie es im Iran Sitte war, wenn Kinder auf einen Ausflug gingen.“ Auch die Idee, dass ein Hase bunte Eier im Wald versteckt haben sollte, war ihm zutiefst suspekt und die ganze verstörende Aktion endete für den vor Kälte zitternden kleinen Jungen mit vielen Tränen.

Heute „schafft“ ihn unter anderem, dass er trotz „vorbildhafter Integration“, deutschem Pass, norddeutschem Akzent sowie als typisch deutsch angesehenen Eigenschaften und Verhaltensweisen immer noch nicht als Deutscher bezeichnet wird, sondern als „Mensch mit sogenanntem Migrationshintergrund“ – wie auch viele andere, die bereits in dritter oder vierter Generation hier leben. Abdollahi zitiert dazu Jagoda Marinic´: „Es ist, als wollte die Kette nicht enden, nur um nicht sagen zu müssen: Aus dem Gast wurde ein Deutscher. Seine Kinder sind Deutsche. Deutsche sind plötzlich anders, als wir es kannten.“

Der Titel von Abdollahis Buch erinnert an Thilo Sarrazins Bestseller von 2010: „Deutschland schafft sich ab“. Es geht darin, so Abdollahi, „um die ausnahmslose Abwertung und Verteufelung ganzer Menschengruppen, die in ihrem Alltag mit dem Islam weder etwas zu tun haben noch zu tun haben wollen, aber aufgrund ihres Äußeren diesem Kulturkreis zugerechnet werden.“ Und dies, obwohl nur knapp 2 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime einer aktuellen Untersuchung zufolge Salafisten oder Dschihadisten und die meisten „Kulturmuslime“ seien, wohlintegrierte, friedliche Steuerzahler, die wollen, dass ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen können.

Auch der Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise beruht aus Sicht Abdollahis großenteils auf Islamophobie: Von Pegida und AfD geschürten Ängsten, die sich in Hass gegen alles Andersartige entladen und viel Bühne bekommen. Zunehmende Verrohung der Sprache, Hetzjagd auf Ausländer, Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Menschen mit ausländischem Aussehen sowie politische Morde sind die Folge. Abdollahi: „Mittlerweile haben wir ein Deutschland geschaffen, in dem Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder auch anderer Ansicht auf offener Straße beleidigt, beschimpft, verprügelt, abgestochen oder erschossen werden.“

Im Brief an Angela Merkel findet er 2018 weitere deutliche Worte: „Dieser Staat steht an einem Scheideweg. Die Ereignisse in Sachsen sind nicht besorgniserregend, sie sind kein Warnzeichen, sie sind nicht alarmierend, sie zeigen, dass der Rechtsstaat in Deutschland in Teilen gescheitert ist und davor ist, weiter gravierend zu scheitern.“

Das Buch ist gut zu lesen, spannend und sehr empfehlenswert, weil Abdollahi die zunehmende Ausbreitung rassistischer und rechtsextremer Gedanken und Taten sehr faktenreich aufzeigt und deutlich macht, dass diese Entwicklung nicht nur für Migranten gefährlich ist, sondern auch alle Andersdenkenden bedroht. Michel Abdollahi benennt, was jeder Einzelne, Politik und Medien dieser Entwicklung entgegensetzen können und müssen, damit unsere freiheitliche Grundordnung erhalten werden kann. Und es ist gut, das Ganze aus seiner Sicht zu lesen, denn: „In Deutschland wird halt viel über Migranten gesprochen, aber nur in seltenen Fällen mit ihnen.“

Ich persönlich habe verstanden, dass auch gut gemeinte Fragen nach der Herkunft meiner Mitmenschen diese ausgrenzen und es allerhöchste Zeit ist für einen „Aufstand der Anständigen“ wie ihn Anja Reschke bereits 2015 in den Tagesthemen gefordert hat.

Oder wie Michel Abdollahi es formuliert: „Es ist an der Zeit, die Meinungshoheit zurückzugewinnen und den Diskurs nicht länger den Spaltern zu überlassen, sondern zu zeigen, dass Deutschland ein mehrheitlich weltoffenes und tolerantes Land ist, in dem zahlreiche Kulturen friedlich nebeneinander leben.“

Beides bestärkt mich in meinem Engagement für die OMAS GEGEN RECHTS.

Monika D.

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