<< zurück | Post ID # 10880 | 13.12.2023

OMAs Advent 2023 – Türchen 13: Streitkultur und Meinungsfreiheit

Heute lohnt es sich, erstmal noch einen Kaffee oder Tee zu holen und erst dann weiterzulesen. Denn es verlangt etwas Aufmerksamkeit.

Fertig? Ok 🙂

Es geht um das “Streiten”. Um Auseinandersetzungen, vor allem politische. Es kocht und brennt überall, und irgendwie scheint niemand mehr MIT-einander, sondern bestenfalls noch ÜBER-einander zu sprechen. Alles andere führt sehr schnell zu polemischem Schlagabtausch. Echte Gespräche, bei denen aus Kontroversen neue Einsichten entstehen, sind seltene Perlen geworden.

Wir hatten an anderer Stelle schon geschrieben, dass wir uns nur noch auf Diskussionen einlassen, “wenn es sich lohnt”. Ich wurde gefragt, woran das zu erkennen sei. Hier …

… die kurze Antwort

+ Offenheit. Nur dann, wenn das Gegenüber den Eindruck vermittelt, an anderen Meinungen überhaupt interessiert zu sein, lohnt sich das Gespräch.

– Polemik. Reine “Phrasendrescherei” ist kein Gespräch. Eine Diskussion kann zwar aus Polemik entstehen, aber nur mit Sachkenntnis und Offenheit weitergeführt werden – und hier schließt sich der Kreis.

… die lange Antwort

Das ist leider nicht im “10 Worte Facebook-Style” zu beantworten. Aber die lange Antwort lohnt sich, gerade auch als “Rüstzeug” für politischen Diskussionen. Also:

Wir “streiten” uns eigentlich gern. Konstruktives Streiten bringt immer neue Erkenntnisse mit sich und ist eine absolute Bereicherung. ABER! Es gibt Bedingungen der Streitkultur, sowohl im persönlichen als auch im demokatrischen Diskurs.

Dafür möchten wir Euch kommunikation-demokratie.de empfehlen. Dort gibt zwei PDF Dokumente, die eine lohnenswerte (wenn auch nicht einfache) Lektüre sind und die wir Euch daher direkt zum Download eingebunden haben:

a) PDF “Konstruktive Kommunikation – Wi(e)dersprechen in der Demokratie” (ein Auszug aus einem anderen, größeren Faltblatt, Text beginnt auf der zweiten Seite) und
b) PDF “Konstruktive Kommunikation in der Demokratie”

Nachstehend eine Zusammenfassung.

Es ist keine einfache Kost, denn gerade in Auseinandersetzungen mit extremen politischen Ansichten fällt es sehr, sehr schwer, sich auf diese Grundsätze zu besinnen. Aber es ist IMMER einen Versuch wert und es lohnt sich, dies bei allen Situationen im “Hinterkopf” zu haben – und sei es nur, um das Gegenüber notfalls einfach stehenzulassen, eben weil es sich nicht lohnt 🙂

Bedingungen konstruktiven Streitens

1. Sachkunde
Diese wird vertieft, wenn man sich aus mehreren Quellen über den Streitgegenstand informiert. Das verhindert Monoperspektivität. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen umso radikalere Ansichten vertreten, je weniger sie über die streitige Sache überhaupt Bescheid wissen.

2. Selbstzweifel (im Sinne von Offenheit)
Sachkunde schließt Selbstzweifel nicht aus. Man sollte sich bewusst sein, dass die Gegenseite möglicherweise über Argumente verfügt, die das Nachdenken lohnen. Der Selbstzweifel verhindert auch, aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus die eigene Perspektive zu verabsolutieren.

3. Selbstdisziplin
In mehrfacher Hinsicht ist Selbstdisziplin wichtig. Sie sorgt dafür, dem Gegenüber zuzuhören, auf das von ihm Gesagte zu achten und ihm nicht ins Wort zu fallen. Sie bewirkt, dass ein Streit nicht in einen Kampf ausartet, also in einen Schlagabtausch, in dem es nur um die Niederringung oder die Beschämung der Gegenseite geht. Die Gegenseite sollte respektiert werden. Das verbietet persönliche Angriffe.

4. Sachbezogenheit
Streit muss immer um die Sache gehen. Der Streit verliert an Qualität, wenn sich die Beteiligten vor allem von der Ablehnung der Person des Gegenübers leiten lassen. Emotionen dürfen entwickelt werden, dürfen aber nicht soweit gehen, die Rechte anderer zu beschädigen.

Es muss insgesamt eine kommunikative Kultur herrschen, in der die Meinungsartikulation und der argumentative Austausch mit der Gegenseite als sinnvoll erfahren wird.

Zivilisiertes (demokratisches) Streiten

Was den demokratischen Staat im Unterschied zu allen Formen der Autokratie auszeichnet, ist der Sachverhalt, dass er seinen Angehörigen das Recht verleiht, ihre Meinung in den politischen Prozess einzubringen.

Diesen Satz lassen wir erstmal “sacken” 🙂

Es gibt dafür jedoch eine Bedingung: Das Recht der MeinungsFREIHEIT setzt die Pflicht zur verantwortungsvollen MeinungsBILDUNG voraus. Diese Pflicht ist die Bedingung für zivilisiertes Streiten.

Verantwortungsvolle Meinungsbildung

wiederum resultiert aus der Beachtung dreier Prinzipien:

Erstens: Fehlbarkeit (“Fallibilismus”)

“Bitte was?” 🙂 Ist ganz einfach: Meinungen sollten so gebildet werden, dass sie auch wieder geändert werden können. Beide Sieten müssen sich selbst Fehler ein- und zu-gestehen können. Das ist das Prinzip des Meinungs-Fallibilismus (= der bewußten Fehlbarkeit zur Erkenntnisgewinnung). Kurz: Kein Erfolg ohne Fehler.

Zweitens: Eigenes Denken

Meinungen sollten weitgehend selbstständig gebildet und nicht bloß von anderen übernommen werden. Dieses Prinzip der Meinungsautonomie verlangt unter anderem Sensibilität für Strukturen, die eine Gängelung oder gar Manipulation von Meinungen zur Folge haben könnten. Neudeutsch: Selber Denken ist sexy. Das reine Wiederholen irgendwelcher Internet-Schlagzeilen oder “Vorredner-Phrasen” ohne jedes eigenständige Hinterfragen oder Hintergrundwissen kann zu keiner gewinnbringenden Diskussion führen.

Drittens: ZU-Hören

Meinungen sollten auf der Grundlage der Kenntnis möglichst aller anderen Positionen gebildet werden. Dieses Prinzip des Meinungspluralismus verlangt, dass die Mitglieder eines demokratischen Gemeinwesens sich dafür einsetzen, dass freies Reden und Verbreiten der unterschiedlichsten Standpunkte möglich sind. Es verlangt weiterhin, die Bereitschaft zu pflegen, anderen unvoreingenommen zuzuhören, selbst dann, wenn man ihre Argumente als anstößig empfindet. Dahinter steht die Maxime, dass ausnahmslos jede Seite eines politischen Konflikts gehört werden sollte.

DAS wird uns allen schwerfallen.  Ja, Meinungsfreiheit heißt auch immer erstmal die Meinungsfreiheit für andere, egal, ob es uns gefällt oder nicht.

Meinungsfreiheit ist eben keine Einbahnstraße. Sie gilt für alle Seiten – aber: immer unter allen hier genannten Umständen und einzig und ausschließlich unter dem Aspekt der Freiheit des Denkens, des gemeinsamen Vorankommens und des Sich-Verstehen-Wollens, nicht des “Dir-meine-Meinung-überstülpen-Wollens”.

Gleichheit zugestehen

Zivilisiertes Streiten verlangt nicht nur die genannte Verantwortung. Es verlangt darüber hinaus, dass die Beteiligten sich gegenseitig Gleichheit und Freiheit zubilligen und damit zentrale Prinzipien der Demokratie auf ihre Beziehung anwenden. Das heißt zum einen, sich als Gleiche unter Gleichen zu betrachten. Das heißt zum anderen, der Gegenseite die Freiheit zum Aussprechen des von ihr für richtig Gehaltenen zuzubilligen.

Das sollten wir für uns verinnerlichen – und mit dem Gegenüber abgleichen. Stellen wir fest, dass uns diese Gleichheit nicht zugestanden wird, lohnt der Diskurs nicht. So einfach.

Fazit

Meinungsfreiheit in der Demokratie bedeutet also eben nicht nur “Ich darf sagen, was ich will (und zwar alles – und das auch ungefragt so stehenlassen)“. Falsch. Meinungsfreiheit ist vielmehr eine gemeinsame Aufgabe. Es bedeutet, die Meinung anderer auszuhalten – solange sie offen für Gegenmeinungen ist und die persönlichen Rechte anderer nicht beschneidet.

Das “demokratische Ethos” bedeutet, Dreierlei anzuerkennen:

1. Andere Ansichten verlieren nicht schon dadurch ihre Berechtigung, dass sie mit der eigenen Position nicht übereinstimmen.

2. Eigene “Wahrheiten” müssen sich grundsätzlich auf Augenhöhe mit den “Wahrheiten” anderer auseinandersetzen.

3. Der eigene politische Wille steht nicht über dem politischen Willen anderer, sondern ist zunächst bloß “ein möglicher unter anderen”.

Wenn DAS eingehalten wird, dann ist Meinungsfreiheit erfüllt. Und dann ist der Weg für Diskussionen offen, die zu Verständnis und bestenfalls sogar zu Lösungen führen.

Persönlich gesehen

Uff, viel Stoff, viel Theorie. Aber praktisch ziemlich einfach umsetzbar, wenn man die “Eckpunkte” im Kopf behält. So kann man sich auf wirklich weiterführende Diskussionen einlassen (oder sie entsprechend lenken) – und die anderen vermeiden.

Das muss am Ende weder zu Überheblichkeit noch zu Einsiedelei führen. Wir haben schon bei so vielen Gelegenheiten damit Menschen “wieder eingefangen”, die in die rechtspopulistische Ecke abzudriften drohten. Solange noch ein Fünkchen Verstand und Offenheit zu spüren sind, lohnt es sich immer. Probiert es aus!

Herzlichst, Sandra
WebTeam der OMAS GEGEN RECHTS Nord

P.S. – Wer sich noch weiter mit dem Thema Diskussionskultur und Demokratiebildung auseinandersetzen möchte, hier ein paar weiterführende Links:

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