# Wenn Gewalt traumatisiert: Traumatisierung verstehen und füreinander da sein
Wenn Gewalt traumatisiert: Primäre und sekundäre Traumatisierung verstehen und füreinander da sein
Anschläge wie auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin erschüttern nicht nur Menschen, die unmittelbar vor Ort waren. Auch Angehörige, Freund:innen, Zeug:innen, Helfende und Menschen aus der queeren Community können psychisch stark belastet werden.
Für viele queere Menschen kann ein solcher Angriff besonders erschütternd sein: Ein Ort, der für Sichtbarkeit, Freiheit, Selbstbestimmung und Gemeinschaft steht, wird plötzlich mit Gewalt, Angst und Lebensgefahr verbunden. Ein aktuelles Ereignis kann zudem frühere Erfahrungen mit Queerfeindlichkeit, Diskriminierung, Gewalt oder Ausgrenzung wieder ins Bewusstsein rufen.
Dieser Artikel soll in solchen und ähnlichen Situationen helfen, mögliche Reaktionen zu verstehen, Warnsignale zu erkennen und zu wissen, was in einer akuten Situation helfen kann.
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Nicht jede starke Reaktion bedeutet, dass eine Traumafolgestörung vorliegt. Wenn Beschwerden sehr stark sind, anhalten oder den Alltag erheblich beeinträchtigen, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.
Primäre Traumatisierung: Wenn ich selbst betroffen war
Von einer primären Traumatisierung spricht man, vereinfacht gesagt, wenn eine Person selbst unmittelbar mit einem potenziell traumatischen Ereignis konfrontiert war.
Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn jemand:
- selbst angegriffen oder verletzt wurde,
- unmittelbar Lebensgefahr erlebt hat,
- einen Anschlag aus nächster Nähe miterlebt hat,
- um das eigene Leben oder das Leben anderer gefürchtet hat,
- schwer verletzte oder getötete Menschen gesehen hat,
- versucht hat, anderen zu helfen,
- sich während des Geschehens hilflos oder handlungsunfähig gefühlt hat.
Ein Mensch muss dabei nicht körperlich verletzt worden sein, damit ein Ereignis psychisch traumatisch wirken kann. Auch intensive Angst, Bedrohung und Hilflosigkeit können tiefe Spuren hinterlassen.
Nicht jede Person entwickelt nach einem solchen Ereignis eine Traumafolgestörung. Viele Menschen erleben zunächst starke Belastungsreaktionen, die mit der Zeit wieder abklingen. Andere benötigen längerfristige Unterstützung.
Sekundäre Traumatisierung: Wenn das Trauma anderer mich belastet
Auch Menschen, die nicht unmittelbar betroffen waren, können durch ein Ereignis stark belastet werden. Eine sekundäre Traumatisierung kann entstehen, wenn Menschen intensiv oder wiederholt mit dem Leid und Trauma anderer konfrontiert werden.
Das kann unter anderem betreffen:
- Angehörige und Freund:innen,
- Partner:innen und Familien,
- Ersthelfer:innen und Rettungskräfte,
- medizinisches und psychosoziales Personal,
- Seelsorger:innen,
- Zeug:innen,
- Menschen, die Betroffene unterstützen,
- Mitglieder der queeren Community.
Auch die indirekte Konfrontation über soziale Medien kannbelastend sein. Bilder, Videos und Augenzeugenberichte können das Nervensystem immer wieder in Alarmbereitschaft versetzen.
Für manche Menschen ist ein Anschlag zudem nicht nur ein einzelnes Ereignis. Wer bereits Queerfeindlichkeit, Gewalt oder Diskriminierung erlebt hat, kann durch neue Gewalt besonders stark getriggert werden.
Woran merke ich, dass mich das Ereignis belastet?
Traumatische oder stark erschütternde Ereignisse können sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen. Manche Beschwerden treten sofort auf, andere erst Tage oder Wochen später.
Körperliche Reaktionen
- Herzrasen oder Herzklopfen
- Zittern und innere Unruhe
- Schlafstörungen und Albträume
- starke Erschöpfung
- Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden
- Muskelverspannungen
- erhöhte Schreckhaftigkeit
Gefühle
- Angst oder Panik
- Traurigkeit und Wut
- Schuld- oder Schamgefühle
- Hilflosigkeit
- emotionale Taubheit oder innere Leere
- ein anhaltender Verlust des Sicherheitsgefühls
Gedanken und Erinnerungen
- aufdrängende Erinnerungen oder wiederkehrende Bilder
- Flashbacks
- Konzentrationsprobleme
- Grübeln und Gedankenkreisen
- die ständige Vorstellung, dass jederzeit wieder etwas passieren könnte
Verhalten
- Vermeidung von Veranstaltungen, Menschenmengen oder öffentlichen Orten
- Rückzug
- ständiges Kontrollieren von Nachrichten
- wiederholtes Anschauen von Videos oder Bildern
- übermäßiges Sicherheitsverhalten
- Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen
Manche Menschen funktionieren zunächst scheinbar völlig normal, organisieren, helfen anderen und kümmern sich um alles. Erst später wird ihnen bewusst, wie sehr sie selbst belastet sind.
Eine verzögerte Reaktion ist möglich und bedeutet nicht, dass die eigene Reaktion falsch ist.
Woran erkenne ich, dass jemand anderes Unterstützung braucht?
Nicht jede betroffene Person spricht über ihre Gefühle. Achte beispielsweise darauf, ob jemand:
- sich plötzlich stark zurückzieht,
- ungewöhnlich ängstlich oder angespannt wirkt,
- kaum noch schläft,
- besonders reizbar reagiert,
- emotional abwesend oder wie „weggetreten“ wirkt,ständig über das Ereignis spricht oder es vollständig vermeidet,
- Schwierigkeiten hat, den Alltag zu bewältigen,
- sich nicht mehr sicher fühlt,
- stark auf Geräusche, Menschenmengen oder bestimmte Orte reagiert,
- deutlich mehr Alkohol oder andere Substanzen konsumiert,
- Hoffnungslosigkeit äußert oder nicht mehr weiterleben möchte.
Wichtig: Beobachtungen sind keine Diagnosen.
Ein guter Anfang kann eine einfache, offene Frage sein:
„Ich habe den Eindruck, dass dich das gerade sehr belastet. Wie geht es dir wirklich?“
Oder:
„Möchtest du erzählen, was gerade in dir vorgeht – oder soll ich einfach bei dir sein?“
Psychische Erste Hilfe: Was kann unmittelbar helfen?
In einer akuten Belastungssituation geht es zunächst darum, Sicherheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen.
- Sicherheit herstellen
Wenn möglich, sollte die betroffene Person an einen sicheren Ort kommen. Hilfreich kann sein: Abstand vom Ort des Geschehens zu gewinnen, eine vertraute Person zu kontaktieren, nicht allein zu bleiben, Reizüberflutung zu reduzieren, Nachrichten und Social Media zeitweise auszuschalten. Ein einfacher Satz kann Halt geben: „Du bist jetzt hier. Du bist nicht allein. Wir kümmern uns gemeinsam darum, was du jetzt brauchst. - Ruhig und präsent bleiben
Eine ruhige, verlässliche Person kann in einer akuten Situation sehr hilfreich sein. Manchmal braucht es gar nicht viele Worte. Gemeinsam sitzen, Wasser bringen, eine Decke holen oder einfach da sein kann mehr helfen als ein langes Gespräch - Nicht zum Erzählen drängen
Betroffene sollten selbst entscheiden dürfen, ob und wann sie über das Erlebte sprechen möchten. Hilfreicher als detaillierte Fragen sind offene Fragen wie- „Möchtest du darüber sprechen?“
- „Was brauchst du gerade?“
- „Wie kann ich dich unterstützen?
- Den Körper beruhigen
Nach einer extremen Stressreaktion kann es helfen, den Körper wieder zu regulieren- langsam und bewusst atmen,
- etwas trinken und gegebenenfalls eine Kleinigkeit essen,
- sich warm halten,
- die Füße auf dem Boden spüren,
- die Umgebung bewusst wahrnehmen.
- Eine einfache Orientierungsübung ist die 5-4-3-2-1-Methode: fünf Dinge sehen, vier Dinge fühlen, drei Dinge hören, zwei Dinge riechen und eine Sache schmecken. Das kann helfen, die Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart zu lenken
- Informationen dosieren
Nach einem Anschlag besteht oft ein starkes Bedürfnis, möglichst viel zu erfahren. Gleichzeitig können permanente Nachrichten, Videos und Social-Media-Posts die Belastung verstärken. Es kann deshalb hilfreich sein, Nachrichten nur zu bestimmten Zeiten zu konsumieren und traumatisierende Bilder nicht wiederholt anzusehen.
Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?
Professionelle Unterstützung ist sinnvoll, wenn die Belastung sehr stark ist, sich nicht bessert oder den Alltag dauerhaft einschränkt.
Besonders wichtig ist Hilfe, wenn:
- Angst und Panik anhalten,
- über längere Zeit kaum Schlaf möglich ist,
- häufig Flashbacks oder Albträume auftreten,
- der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann,
- starke Vermeidung entsteht,
- Alkohol oder andere Substanzen zur Bewältigung eingesetzt werden,
- die Person sich zunehmend isoliert,
- Hoffnungslosigkeit oder Suizidgedanken auftreten.
Auch Zeug:innen, Angehörige und indirekt Betroffene dürfen sich Hilfe suchen.
Man muss nicht selbst verletzt worden sein, um Unterstützung verdient zu haben.
Hilfe und Notfallkontakte in Deutschland
Bei unmittelbarer Gefahr: 112 oder 110
☎ 112: Bei medizinischen Notfällen, akuter Lebensgefahr oder wenn dringend medizinische Hilfe benötigt wird.
☎ 110: Bei akuten Gefahrensituationen oder wenn die Polizei benötigt wird.
TelefonSeelsorge
Die TelefonSeelsorge ist eine erste Anlaufstelle für Menschen in psychischen Krisen, bei Überforderung oder Verzweiflung – oder für alle, die dringend mit jemandem sprechen möchten.
TelefonSeelsorge Deutschland: 0800 111 0 111
Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar.
WEISSER RING – Opfer-Telefon
Menschen, die durch eine Straftat oder Gewalt betroffen sind, können sich an den WEISSEN RING wenden.
Opfer-Telefon: 116 006
Das Angebot ist bundesweit, kostenfrei und anonym und laut WEISSEM RING täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar. Die Beratung kann auch dabei helfen, passende weitere Unterstützungsangebote zu finden.
Der WEISSE RING bietet außerdem Unterstützung über bundesweite Außenstellen und eine anonyme Onlineberatung an.
Weitere Anlaufstellen
Je nach Situation können auch folgende Stellen hilfreich sein:
- Hausärzt:innen
- Psychotherapeut:innen
- psychiatrische Notfallversorgung
- Traumaambulanzen
- psychosoziale Beratungsstellen
- Opferhilfe
- queere Beratungsstellen
- Beratungsstellen für Angehörige und Zeug:innen
- Speziell für “rechte Gewalt”: siehe auch Hinweise hier auf der Webseite unter Tipps > Linkverzeichnis > Beratung / Hilfe / Hass & Hetze melden
Wer sich nach einem Anschlag Unterstützung sucht, muss nicht erst „schlimm genug“ belastet sein. Es ist legitim, sich frühzeitig Hilfe zu holen.
Wie kann ich unterstützen und “Ally” (Verbündete:r, Unterstützer:in) sein?
Solidarität bedeutet nach einem Anschlag mehr, als ein Zeichen in den sozialen Medien zu posten:
- Zuhören, ohne zu vereinnahmen
Lass betroffene Menschen selbst entscheiden, was sie erzählen möchten. Vermeide es, ihre Erfahrungen mit deinen eigenen Geschichten zu überlagern. - Hilfe konkret anbieten
Statt „Meld dich, wenn du etwas brauchst“ kann es hilfreicher sein, konkret zu fragen:
„Soll ich dich morgen zu deinem Termin begleiten?“
„Möchtest du, dass ich heute bei dir bleibe?“
„Soll ich für dich einkaufen?“ - Ängste nicht kleinreden
Sätze wie „Du musst keine Angst haben“ können gut gemeint sein, aber die Angst der betroffenen Person entwerten. Hilfreicher ist:
„Ich verstehe, dass du dich gerade nicht sicher fühlst. Ich bin da.“ - Grenzen respektieren
Nicht jede Person möchte sprechen. Manche brauchen Ablenkung, andere Ruhe, wieder andere Gemeinschaft. Unterstützung bedeutet auch, ein „Nein“ zu akzeptieren. - Praktisch helfen
Nach traumatischen Ereignissen können alltägliche Aufgaben schwerfallen. Du kannst beispielsweise:- Essen vorbeibringen,
- organisatorische Aufgaben übernehmen,
- gemeinsam spazieren gehen,
- zu Terminen begleiten,
- auf Kinder oder Haustiere aufpassen,
- bei der Suche nach Beratungsangeboten helfen.
- Queere Räume schützen und stärken
Ein Angriff auf einen CSD kann das Sicherheitsgefühl einer gesamten Community erschüttern. Als “Ally” („Verbündete:r“ oder „Unterstützer:in“) kannst du dazu beitragen, dass queere Menschen nicht allein mit ihrer Angst bleiben:- Präsenz zeigen,
- Solidarität sichtbar machen,
- queerfeindlichen Aussagen widersprechen,
- Sicherheitsbedürfnisse ernst nehmen,
- Betroffenen zuhören,
- langfristig solidarisch bleiben.
Was Allies vermeiden sollten
Vermeide möglichst:
- Betroffene zum Reden zu drängen,
- ungefragt traumatische Details zu erfragen,
- traumatische Bilder weiterzuverbreiten,
- das Ereignis zu sensationalisieren,
- Angst mit noch mehr Angst zu beantworten,
- die Reaktionen anderer zu bewerten,
- Aussagen wie „Sei froh, dass du überlebt hast“
Nicht jede Person muss „stark“ sein. Weinen, Angst, Rückzug oder Sprachlosigkeit können Ausdruck einer Belastungsreaktion sein. Umgekehrt bedeutet sichtbare Stärke nicht automatisch, dass jemand unverletzt ist.
Gemeinschaft kann Halt geben
Trauma kann Menschen isolieren. Gemeinschaft kann dagegen Halt geben. Gerade nach einem Angriff auf einen CSD kann es wichtig sein, Räume zu schaffen, in denen Menschen wieder erleben: Ich bin nicht allein.
Das kann ein Gespräch mit Freund:innen sein, eine queere Gruppe, ein gemeinsames Gedenken, professionelle Unterstützung oder schlicht die Erfahrung, dass Menschen füreinander da sind.
Niemand sollte gezwungen werden, sofort wieder „normal“ zu funktionieren oder an Veranstaltungen teilzunehmen.
Verarbeitung des Erlebten braucht Zeit und sieht für jeden Menschen anders aus.
Zum Schluss: Du musst damit nicht allein bleiben
Ob du selbst unmittelbar betroffen warst, jemanden kennst, der vor Ort war, als Helfer:in unterstützt hast oder durch die Berichterstattung und die Angst um die Community belastet bist: Deine Reaktion ist nicht „übertrieben“.
Traumatische Erfahrungen können Menschen auf sehr unterschiedliche Weise treffen. Manche Symptome verschwinden mit der Zeit, andere brauchen professionelle Unterstützung.
Es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen. Und es ist keine Kleinigkeit, für einen anderen Menschen da zu sein.
Manchmal beginnt psychische Erste Hilfe mit einem einfachen Satz:
„Ich sehe, dass es dir gerade nicht gut geht. Du musst da nicht allein durch.“
Wenn wir nach einem solchen Ereignis füreinander einstehen, zuhören, Grenzen respektieren und professionelle Hilfe dort ermöglichen, wo sie gebraucht wird, können wir einen Teil dessen stärken, was Gewalt zerstören will:
Vertrauen, Gemeinschaft, Solidarität und das Gefühl, gemeinsam sicherer zu sein.
Literatur und weiterführende Quellen
zu Trauma und psychischer Erste Hilfe:
Krüger, Andreas (2011): Powerbook – Erste Hilfe für die Seele. Elbe & Krüger Verlag GbR.
Fischer, Gottfried / Riedesser, Peter (2023): Lehrbuch der Psychotraumatologie. UtB GmbH.
OMA Anja
OMAS GEGEN RECHTS OWL (Ostwestfalen-Lippe) / Gütersloh
Kontakt: omasgegenrechtsowl@gmail.com
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