<< zurück | Post ID # 38255 | 20.07.2026

Ulm / Gütersloh: DenkStätte der Ulmer Schülergruppe der Weißen Rose

(Alle Bilder siehe unten als Galerie)

Ein spontaner Besuch der DenkStätte der Ulmer Schülergruppe der Weißen Rose mit den Ulmer OMAS

Eigentlich war ich beruflich in Ulm. Dass ich dabei eine Begegnung haben würde, die mich tief berührt und noch lange beschäftigen wird, ahnte ich nicht.

Als OMA GEGEN RECHTS aus Gütersloh suche ich gerne auf Reisen den Kontakt zu Gleichgesinnten. So kam es zu einem wunderbaren Treffen mit den Ulmer OMAs GEGEN RECHTS, die mich spontan zu einer Führung durch die Ausstellung über die Ulmer Schülergruppe der Weißen Rose in der VH Ulm einluden. Dort befindet sich die Denkstätte der Weißen Rose.

Unsere Führung übernahm die Kuratorin der Ausstellung selbst. Vor 26 Jahren hat Anita Binder diese Ausstellung auf Grundlage ihrer Magisterarbeit über die Ulmer Schülergruppe konzipiert und seither unzähligen Besucherinnen und Besuchern die Geschichte dieser mutigen jungen Menschen nahegebracht.

Wir hingen ihr förmlich an den Lippen.

Mit großer Sachkenntnis und spürbarer Leidenschaft erzählte sie von Jugendlichen, die kaum älter waren als viele unserer heutigen Enkelkinder. Immer wieder gab es Momente, in denen es ganz still wurde. Schicksale, Entscheidungen und persönliche Geschichten ließen uns erschauern. Es waren Gänsehautmomente, die deutlich machten: Geschichte besteht nicht aus Jahreszahlen – sie besteht aus Menschen.

Mehr als nur München: Die Ulmer Schülergruppe der Weißen Rose

Wenn von der Weißen Rose die Rede ist, denken die meisten Menschen an Hans und Sophie Scholl und ihre Mitstreiter:innen an der Universität München. Dass es auch in Ulm eine Schülergruppe gab, die eng mit der Münchner Widerstandsbewegung verbunden war, wissen dagegen nur wenige.

Die Ulmer Schülergruppe bestand aus jungen Menschen, die sich über Schule, Freundeskreise und kirchliche Jugendarbeit kannten. Zu ihnen gehörten unter anderem die Geschwister Hans und Susanne Hirzel sowie Franz Josef Müller. Sie teilten die Überzeugung, dass Schweigen angesichts von Unrecht keine Option war.

Die Jugendlichen unterstützten die Münchner Weiße Rose bei der Verbreitung ihrer Flugblätter. Sie vervielfältigten die Schriften und sorgten dafür, dass die Botschaft weit über München hinaus bekannt wurde. Damit gingen sie ein enormes Risiko ein. Schon der Besitz eines Flugblatts konnte als Hochverrat ausgelegt werden.

Nach der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 geriet auch die Ulmer Schülergruppe ins Visier der Gestapo. Mehrere Mitglieder wurden festgenommen, verhört und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie verloren ihre Jugend, ihre Freiheit und oft auch ihre beruflichen Perspektiven – nur weil sie ihrem Gewissen gefolgt waren.

Der Mut der Jugend

Während der Führung wurde eines besonders deutlich: Diese jungen Menschen waren keine Heldinnen und Helden aus irgendwelchen Geschichtsbüchern. Sie waren Schülerinnen und Schüler mit Hoffnungen, Träumen und Zukunftsplänen.

Trotzdem oder gerade deswegen entschieden sie sich, Verantwortung zu übernehmen, als so viele andere schwiegen oder mitliefen.

Gerade das macht ihre Geschichten so bewegend. Sie zeigten, dass Zivilcourage keine Frage des Alters ist. Sie beginnt dort, wo Menschen ihrem Gewissen folgen.

Warum ist die Geschichte der Ulmer Schülergruppe so wenig bekannt?

Diese Frage stellte Anita Binder gleich zu Beginn unserer Führung in den Raum. Es ist eine Frage, die sie seit Jahrzehnten beschäftigt und der sie bereits in ihrer Magisterarbeit nachgegangen ist. Warum kennt fast jeder die Namen Hans und Sophie Scholl, während die Ulmer Schülergruppe der Weißen Rose, die eng mit der Münchner Widerstandsbewegung verbunden war, selbst historisch interessierten Menschen oft unbekannt ist?

Anita Binder machte deutlich, dass ein Teil der Antwort möglicherweise darin liegt, dass viele Mitglieder der Ulmer Schülergruppe den Nationalsozialismus überlebten. Sie wurden verhaftet, verhört und zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie verloren ihre Jugend, ihre Ausbildung und oft ihre beruflichen Perspektiven. Ihr Widerstand hatte einen hohen Preis. Doch anders als viele bekannte Widerstandskämpferinnen und -kämpfer wurden sie nicht hingerichtet.

Gerade darin liegt eine unbequeme Erkenntnis. Die Geschichte der Ulmer Schülergruppe zeigt, dass Widerstand gegen das NS-Regime zwar mit existenziellen Gefahren, massiven Repressionen und schwersten persönlichen Folgen verbunden war – aber nicht zwangsläufig im Tod endete.

Die Kuratorin erläuterte, dass diese Tatsache nach 1945 möglicherweise nur schwer in die gesellschaftlichen Selbstbilder passte. In der historischen Forschung wird diskutiert, ob die stärkere Erinnerung an Widerstandsgruppen, deren Mitglieder hingerichtet wurden, dazu beitrug, den Eindruck zu verfestigen, Widerstand habe zwangsläufig den Tod bedeutet. Die Biografien der Überlebenden zeigen hingegen, dass es trotz des enormen Risikos Handlungsspielräume gab und dass manche Menschen den Mut fanden, sie zu nutzen.

Diese Menschen wurden zum lebendigen Gegenbeweis des Narrativs, dass man das Regime nur überleben konnte, wenn man sich anpasste. So wurden die überlebenden Widerständler zum unerträglichen Spiegel für diejenigen, die sich in der NS Zeit nicht auflehnten.

Diese Perspektive wirft Fragen auf, die auch heute noch nachdenklich machen. Sie lädt dazu ein, die Geschichte des Widerstands differenziert zu betrachten und sich bewusst zu machen, dass Zivilcourage zwar einen hohen Preis fordern konnte, aber dennoch möglich war.

Warum diese Geschichte heute weiterhin wichtig ist

Für uns OMAS GEGEN RECHTS sind solche Erinnerungsorte weit mehr als historische Ausstellungen. Sie erinnern uns daran, dass Demokratie, Menschenwürde und Freiheit immer wieder verteidigt werden müssen.
Wer die Geschichte der Ulmer Schülergruppe hört, versteht, warum wir heute aufstehen, wenn Menschen ausgegrenzt, demokratische Werte angegriffen oder Hass und Hetze verbreitet werden. Die Jugendlichen der Weißen Rose hatten keine sozialen Medien, keine großen Organisationen und keine politische Macht. Sie hatten nur ihre Überzeugung – und den Mut, ihr zu folgen.

Ein Vermächtnis, das bleibt

Ich verließ die Ausstellung mit großer Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den Ulmer OMAs GEGEN RECHTS für ihre herzliche Einladung. Dankbarkeit gegenüber der Kuratorin, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert dafür sorgt, dass die Geschichte der Ulmer Schülergruppe nicht in Vergessenheit gerät. Und vor allem Dankbarkeit gegenüber den jungen Menschen, die damals den Mut hatten, Nein zu sagen.

Die Weiße Rose gehört zur Geschichte.
Ihre Botschaft gehört in unsere Gegenwart.

Gerade in einer Zeit, in der demokratische Grundwerte wieder unter Druck geraten, ist die Erinnerung an die Ulmer Schülergruppe wichtiger denn je. Sie zeigt, dass auch eine kleine Gruppe junger Menschen etwas bewegen kann. Nicht mit Gewalt, sondern mit Haltung, Menschlichkeit und dem festen Willen, Unrecht nicht schweigend hinzunehmen.

Erinnern heißt handeln. Die Jugendlichen der Ulmer Schülergruppe haben uns gezeigt, dass Demokratie Mut braucht. Es liegt an uns, diesen Mut heute weiterzutragen. Und das es sich lohnt.

Diese Botschaft habe ich aus Ulm mitgenommen. Sie ist vielleicht das wertvollste Souvenir meiner Reise.

OMA Anja

OMAS GEGEN RECHTS Gütersloh
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